Eine Reise endet nicht, nur weil der Schnürsenkel aufgeht.

Immer wieder geht es mir so, dass ich denke: „Das war es jetzt – vorbei mit glücklich – wie soll ich es schaffen, mein Leben wieder in Bahnen zu lenken, die ich gewählt habe?“ Aber wenn ich nun an diese Momente in meinem Leben zurückblicke, scheinen sie auf der Entfernung und mit Abstand nicht mehr so schwer, ja fast lapidar! Wie kommt das? Was ist passiert, wie habe ich das gemacht? Auch das erscheint im ersten Moment seltsam.

Ich nehme mein Problem in die Hand, löse es, soweit es mir gelingt. Ich hole mir Hilfe, wenn nötig. Wozu habe ich Freunde, gerade in solchen Zeiten? Bei einigen Problemen kann ich es einfach nicht allein, brauche ich professionelle Hilfe. Dann bin ich dankbar in einem Land zu leben, in dem so etwas geht, wo Hilfe angeboten wird in vielfältiger Weise. Und dann sind die Fronten geklärt, der Kopf hat ganze Arbeit geleistet. Und doch ist da dieses Eine, was noch stört, was mich nicht glücklich oder wenigstens zufrieden sein lässt.

Um auf den Titel zurückzukommen: Ich erkenne, das Laufen ist nicht wie sonst, bemerke den offenen Schuh, binde den Senkel neu und gehe weiter. Das Problem ist scheinbar nicht mehr da, aber da ist etwas, was ich nicht offensichtlich wahrnehmen kann. Aber es ist da, das komische Gefühl. Es ist anders als vorher, bevor der Senkel aufging. Vielleicht brauchte ich sogar einen neuen Schnürsenkel. Er funktioniert wie der Alte, aber er ist anders.

Das Gefühl ist einfach ein anderes. Doch was kann ich daran tun? Das ist so eine Sache mit den Gefühlen. Sie wollen gefühlt werden. Gefühle, die ignoriert werden, suchen sich ihren Weg, werden immer größer und gehen nicht von allein. Ich kann sie wegschieben, sie ignorieren, sie überdecken. Trotzdem sind sie noch da, unterschwellig immer mit mir. Getriggert von anderen Situationen. Ich kann mich dann manchmal nicht verstehen, verstehe meine Reaktion nicht, die übertrieben ist. Und da ist es wieder, dieses „Schnürsenkel-Gefühl“, was doch gar nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun hat! Dort steht es und schwenkt die Fahne, will gefühlt werden.

Wenn ich merke, dass ich mich nicht verstehe, dass meine Handlungen scheinbar gesteuert werden, ist es höchste Zeit, in mich zu gehen und zu fühlen. Bevor die Gefühle noch größer werden und sich im Körper schlimmstenfalls als Krankheit manifestieren.

Ich habe alles getan, damit es mir besser geht. Nun darf ich noch die Gefühle anschauen und sie wertfrei wahrnehmen. Ich darf traurig sein, ich darf wütend sein, dass sich mein Leben scheinbar in eine Richtung bewegt, die ich nicht steuern kann. Und wenn ich das tue, wenn ich mir den Raum und die Selbstachtung schenke, macht sich dieses Gefühl mit einem Lächeln klein. Lächelnd, da es seine Aufgabe erfüllen konnte und es nun gut sein lassen kann. Es ist so klein geworden, dass es Platz für neues gemacht hat. Für neue Gefühle und somit auch für neue Blickwinkel. Hier besteht nun für mich die große Chance, in dem Neuen das Gute zu finden und zu fühlen. Ich bin nun dazu in der Lage mich zu entscheiden, wie ich diesen neuen Weg gehen möchte.

Es sind immer noch meine Schuhe. Sie passen mir, ich habe sie gewählt. Und nun ist etwas anders, etwas neu. Ich entscheide mich im Hier und Jetzt weiterzugehen, die neue Chance zu nutzen und nicht dem Alten nachzutrauern. Ich wähle einen pinken Senkel in meinen weißen Schuhen. Und so kann es jeder sehen: Dies sind meine Schuhe, ich entscheide, wie ich sie trage. Ich mache aus dem scheinbar Unüberwindbaren etwas Individuelles, Lustiges, Ungewöhnliches. Mit meinen Schuhen werde ich noch sehr weit laufen.

Ähnliche Beiträge